Stein am Rhein kämpft, lacht, schwört und singt. Seit einigen Tagen wird nun auch getanzt. Die Tanzgruppe, die das Publikum anlässlich der

NO E WILI-Aufführungen vom 9. Juli bis 13. August mit dem Höfischen Tanz begeistern wird, hat die Probenarbeiten aufgenommen.

 

Von Marion Preuss

 

Im 14. und 15. Jahrhundert begann die Trennung der Volks- von den Gesellschaftstänzen. An den italienischen und französischen Fürstenhäusern entwickelten sich die höfischen Tänze für den Adel. Sie hatten einen fixen Ablauf und bestanden, im Gegensatz zu den wilden Volkstänzen voller Lebensfreude, aus eher ruhigen Schreittänzen. Im NO E WILI vermittelt der höfische Tanz einen anschaulichen Einblick in einen wesentlichen Zeitvertreib der damaligen adligen Gesellschaft.

 

Die Probenarbeiten haben begonnen

 

Mit einer kurzen Einführung in den höfischen Tanz begrüsst Ramona Schullerer eine grosse Zahl interessierter Tänzerinnen und Tänzer in der alten Massstabfabrik in Stein am Rhein zur ersten Tanzprobe. Nach ein paar kurzen Aufwärmübungen führt Ramona, die studierte Tanzlehrerin aus St. Georgen im Schwarzwald, den neugierig Probenden Körper-, Kopf-, Arm- und Fingerhaltung vor.

 

Noch nicht sehr anmutig, versuchen Tänzerinnen und Tänzer die vorgetragenen Bewegungen nachzuahmen. Die Arme elegant seitwärts auf Hüfthöhe nach aussen zu halten, erweist sich schon nach kurzer Zeit als ungewohnt anstrengend. Dass Mittelfinger und Daumen locker nach unten gespreizt sein müssen, um den Eindruck einer langen schmalen Hand zu vermitteln, lässt manche Männer – und auch Frauen – zunächst aussehen, als habe ein Krampf die Hand erstarren lassen. Männerhände, vielleicht gewohnt, handwerklich tätig zu sein, können sich erst langsam an die ungewohnte, noble Fingerhaltung, Grandezza ausstrahlend, gewöhnen.

 

Ganz anders sieht es nach der dritten Probe aus. Auch die Damen, ob jung oder älter, haben den optischen Wandel zur adligen Dame vollzogen. Sie erscheinen nun allesamt statt in Hosen in langen Röcken. Ganz Dame, werden diese gerafft, der Kopf in stolzer Haltung mal nach links, mal nach rechts würdevoll zu einer angedeuteten Begrüssung geneigt, der Oberkörper zur Seite gedreht. Die zarte Hand auf die Innenfläche einer Männerhand gelegt, den linken Fuss leicht nach aussen gewinkelt, bereit den ersten Schritt zu machen – all das klappt mittlerweile fast perfekt.

 

 

«Ich wusste gar nicht, dass ich drei Beine habe»

 

Dies kann man während der Probe plötzlich aus männlicher Kehle hören. Nämlich dann, wenn der stattliche Tänzer Rainer versucht, die von Ramona vorgezeigten Schrittkombinationen leichtfüssig nachzuvollziehen. Die Tanzbegeisterten merken schnell, dass das gar nicht so einfach, ja, in Wirklichkeit harte Arbeit ist. Mag einer oder eine auch noch so gut Boogie-Woogie oder sonst einen unserer Gesellschaftstänze beherrschen – hier nützt das gar nichts, ist im Gegenteil eher hinderlich. Glücklich die, welche einmal Ballettunterricht hatten oder noch haben. Manche Tänzerin und mancher Tänzer, behauptend, sie oder er «könne tanzen», wird bei den Übungen zum Höfischen Tanz auf eine harte Probe gestellt. Schnell hat man gelernt, dass der Tanz immer mit dem linken Fuss eröffnet wird. Und ebenso schnell wird klar, dass nicht wie gewohnt mit der Ferse aufgetreten wird, sondern konsequent zuerst mit der Fussspitze. Also ganz entgegengesetzt unserer Gehgewohnheit. Und überhaupt steht man öfters auf den Zehen, wenn auch nicht auf den Zehenspitzen. Gottseidank!

 

Ramona Schullerer, gewohnt mit Profis zu arbeiten, ist mit Freude bei der Arbeit mit Laientänzerinnen und -tänzer. Auch wenn sie viel Basisarbeit leisten muss, sagt sie überzeugt: «Jeder kann alles erlernen.» Die Aufgabe macht ihr Spass, auch wenn da reichlich Geduld gefragt ist. Von den Schrittkombinationen – es gibt über vierzig – hat Ramona alle Schwierigkeitsgrade ausgesucht, von leicht bis kompliziert.

 

Das ist mutig, wenn man bedenkt, dass hier Laientänzer am Werk sind. Aber die Atmosphäre in den Proben ist entspannt. Der Tanzlehrerin gefällt vor allem das Zusammengehörigkeitsgefühl, die familiäre Stimmung. Es gibt keine Neider, jeder hilft jedem, wenn der Schritt einfach nicht klappen will und man sich selbst schon wieder auf dem falschen Fuss erwischt hat. Wer die Kombination bereits beherrscht, zeigt sie anderen. Auch wenn es wesentlich weniger männliche Teilnehmer gibt – die Damen teilen sich die Tänzer gerecht auf. So entstehen Formationen zu Dritt, der männliche Part in der Mitte führt links und rechts seine Damen an der Hand, in der Hoffnung, dass alle im gleichen Schritt bleiben. Dass daran noch viel gearbeitet werden muss, überrascht niemanden. Und trotzdem hört man Zuversichtliches wie «Es chunnt scho guet», auch wenn man bereits ein wenig Angst vor der nächsten Probe und den neuen Schritten hat. Kaum hat man eine Variation der Volta, also eines Drehschrittes geübt und beileibe noch nicht verinnerlicht, muss man schon wieder Neues gewärtigen. Und nicht nur das: Die meist italienischen Bezeichnungen der Schrittkombinationen sollten sich auch noch im Kopf festsetzen. Auch wenn die Volta eigentlich noch einfach ist – es gibt davon auch etliche Varianten, die wieder anders heissen. Da dreht sich dann schon manches auch im Kopf.

 

Warum einfach, wenn’s auch schwierig geht?

 

Natürlich könnte alles auch viel einfacher sein, aber: «Ich möchte, dass der Tanz authentisch ist. Je genauer und echter, desto mehr Freude hat der Zuschauer daran.» Es soll neben den farbenfrohen Kostümen eben auch ein tänzerischer Augenschmaus werden. «Man muss die Grundfiguren kennen und dabei auch noch schauspielern. Man muss spüren, dass die Tänzerinnen und Tänzer untereinander einen Bezug haben.» Zehn bis vierzehn Schrittkombinationen hat Ramona geplant. In der nächsten oder übernächsten Probe beginnt sie mit der eigentlichen Choreographie. «Wir schaffen das!» tönt es von männlicher Seite im Probenlokal.

 

Bereits mit 15 Jahren begann Ramona Schullerer Tanz zu studieren. Dazu kam die Ausbildung zur Schauspielerin. Ausserdem spielt das Multitalent aus Usbekistan Harfe und Klavier. In ihrer eigenen staatlich genehmigten Tanzkunstakademie TKA bietet Ramona Schullerer Kurse in verschiedensten Tänzen an, von Ballett über Hip-Hop bis zu step dance. Sie selbst ist schon in diversen Filmen, Musicals sowie Theaterproduktionen aufgetreten.

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